Gemeinde Sandhausen

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Ortsrufanlage in Sandhausen

An die Ortsrufanlage können sich nur noch die Älteren unter uns erinnern. Ihre Geschichte beginnt 1947. Der Gemeinderat beschloss am 18. November 1947 die Beschaffung einer Ortsrufanlage. Im Heidelberger Tageblatt wurde über die Einführung dieser Einrichtung berichtet. Heute nicht mehr vorstellbar und „antiquiert“– aber im Jahre 1949 war dies eine wichtige Erneuerung. Und nachdem die Anlage installiert und betrieben werden konnte, beschloss der Gemeinderat am 14. Januar 1949, dass nur noch die Ortsrufanlage als amtliches Bekanntmachungsorgan galt. Vom Amtsblatt war man noch ein paar Jahre entfernt.

Und so war damals in den Heidelberger Nachrichten zu lesen: „Mehr als 20 Jahre steht Sandhausens Amtsvollzieher Bernhard im Dienste der Gemeinde. Das ist eine lange Zeit. Er hatte seinerzeit, als der alte Ratsdiener Kastner in den Ruhestand versetzt wurde, seine Stelle eingenommen. Säumigen Steuerzahlern musste er so freundlich, wie unter den Umständen nur möglich, ins Gewissen reden und selbstverständlich für die Gemeindekasse kassieren gehen. Obwohl dieser Dienst sehr unangenehm war, brauchte er sich dabei nicht so sehr anstrengen wie beim Ausschellen und Ausrufen. Man hatte ihm nämlich mit seinen Amtsvollzieherpflichten auch die Ortsschelle in die Hand gedrückt. Diese Ortsschelle wurde von ihm viele Jahre hindurch treu und brav gehütet und sie war immer blitzblank geputzt, wenn er mit ihr durch die Ortsstraßen radelte. Vor allem den Steuerzahlern fuhr es beim Läuten der Ortsschelle mit Schrecken in die Glieder. Im Stillen verabscheute er aber diese Schelle alleine schon deswegen, weil er sie auf jeder Runde 95- bis 100-mal betätigen musste und weil er ebenso oft seine Bekanntmachungen ausrufen musste.

Glücklicherweise ist ihre Dienstzeit nun verflossen. Alte Leute behaupten zwar, dass man mit ihr auch etwas von der ‚Sandhäuser Romantik‘ vermisse. Wohl werden die Gänse in den Seitengassen nicht mehr so aufgeregt, wohl laufen keine Kinder mehr hinter dem schellenscheppernden Ratsboten her, dafür besitzt Sandhausen aber seinen eigenen ‚Rundfunk‘. Mit der Weihnachtsbotschaft 1948 von Bürgermeister Adam Mattern begann er seine täglichen Sendungen und Amtsvollzieher Bernhard war sein ‚Sendeleiter‘.

Darauf bräuchte man nun aber nicht besonders hinweisen, denn über diese Einrichtung hatten schon so manche geschimpft, weil sie nichts anderes zu sagen wussten. Das Platzkonzert anlässlich des Südmährertreffens brachte einige Leute auf den Gedanken, dass man es nicht nur mit den amtlichen Bekanntmachungen und mit den ‚Sondermeldungsouvertüren‘ bewenden lassen sollte, sondern dass man der Ortsrufanlage, wie sie richtig heißt, zwischendurch auch einmal eine andere Aufgabe zukommen lassen sollte. Zum Beispiel Wunschkonzerte für ‚fuffzig‘ Pfennig und eine Mark, die sonntags über Mittag durchgeführt wurden. Oder auch Ständchen für alte Geburtstagskinder, um diese mit den modernen ‚Radaukästen‘ auszusöhnen, weil der Büttel mit seiner Schelle für sie kein Lied auf der Straße singen konnte. Hiervon konnte die Gemeindekasse etwas, wenn auch nicht viel, profitieren. Aber was viel wichtiger war, die Sandhäuser würden das etwas teure Projekt mit anderen Augen sehen. Ohne Zweifel ließ es der alte Ausrufer nicht an zünftigen Kommentaren fehlen und stolperte manchmal auch über ein paar hochdeutsche ‚fremdwörterische‘ Ausdrücke.

Etwas später erschien dann nochmals ein Bericht im Heidelberger Tageblatt zur Ortsrufanlage und hier konnte man lesen, dass sich die Bevölkerung zwischenzeitlich an die Anlage gewöhnt und ihre Vorteile erkannt hatte - ja, sogar der größte Teil sie wohl nicht mehr missen mochte.

Die Durchsagen begannen mit einer Schallplattenübertragung eines Marsches, Liedes oder Chores, manchmal war es auch der Schlager „Der Theodor im Fußballtor“ – je nach Griff des Bedieners der Anlage schmetterte durch die fast an allen Straßen angebrachten Lautsprecher, die Nachrichtendurchgabe einleitend.

Ein Zeitzeuge, Herr Edmund Reutner, berichtete uns, dass er mit seiner Schwester Martha Baumann selbst einen Liedbeitrag leistete. Durchsagen vom Arbeitergesangverein – in welchem Edmund Reutner sang – begannen mit dem Lied vom „Chianti Wein“, gesungen von ihm und seiner Schwester.

Neben den örtlichen Bekanntmachungen wird die Ortsrufanlage vor allen Dingen für Werbungszwecke von Geschäftsleuten in Anspruch genommen. Dies war aber nicht umsonst: Für Ortsansässige kostete die erste Durchsage 2 DM, die weitere 4 DM, die dritte 5 DM und jede weitere 1 DM zusätzlich. Für Auswärtige waren die Gebühren 5, 8 und 10 DM.

Die Ortsrufanlage war, wie eingangs aufgeführt, das amtliche Organ der Gemeinde. Und dadurch, dass nicht mehr der Amtsdiener durch den Ort laufen musste, waren die amtlichen Nachrichten auch wesentlich schneller verbreitet. Heutzutage wären umfangreiche amtliche Bekanntmachungen in dieser Form nicht mehr machbar.

Wie dem Artikel im Heidelberger Tageblatt zu entnehmen war, erfreute sich der „Sandhäuser Rundfunk“ größter Beliebtheit beim Bürgermeister, welcher häufig das Amt des Ansagers persönlich übernahm.

Das Zeitalter der Ortsrufanlage endete in der Amtszeit des Bürgermeisters Walter Reinhard im Jahre 1955 durch Einführung der „Gemeinde-Nachrichten“. Hierüber werden wir zu gegebener Zeit berichten.

Bis die letzten Lautsprecher an Gebäuden entfernt waren, vergingen noch einige Jahre.
Wilfried Hager